Gewerbeschule Lörrach | Sgraffito-Kunst
Der Neubau der Gewerbeschule an der Wintersbuckstraße in Lörrach erfolgte in den Jahren 1950 bis 1959 in vier Bauabschnitten. Dabei entstand 1956–1959 der vom Architekturbüro Meyer & Schäfer geplante Werkstättentrakt III (Bau D). Als Bestandteil der künstlerischen Gestaltung des Schulneubaus (Kunst am Bau) entwarf der Künstler Adolf Strübe das 1959 an der zur Wintersbuckstraße gerichteten östlichen Schmalseite von Bau D befindliche Wandbild.
Bei dem Wandbild handelt es sich um ein großformatiges Sgraffito, das etwa 3 Meter in der Breite und 8 Meter in der Höhe misst. Es besitzt eine hochformatige, unregelmäßige Grundform und besteht aus zwei rechteckigen Flächen, die leicht versetzt angeordnet sind und ineinander übergehen. Das Wandbild nimmt durch sein gegenständliches Motiv thematisch auf die Bildungsaufgabe der Gewerbeschule Bezug. Es stellt in spannungsvoller Bildkomposition eine Baustellenszene mit stark abstrahierten Personen dar. Der obere Abschnitt des Wandbildes zeigt drei Bauarbeiter, die auf einem Baugerüst stehend eine Mauer errichten. Im unteren Abschnitt sind drei Personen dargestellt, die zwei über ihren Köpfen getragene Säcke zur Baustelle tragen. Die vielfältige, pastellartige Farbigkeit des aus zahlreichen geometrischen Farbflächen bestehenden Wandbildes wird durch warme, rötliche Farbtöne dominiert. Komposition und Farbigkeit ergeben einen stimmigen Gesamteindruck.
Bei dem Wandbild am Bau D der Gewerbeschule Lörrach handelt es sich aus wissenschaftlichen (insbesondere kunstgeschichtlichen) und künstlerischen Gründen um ein Kulturdenkmal nach § 2 DSchG Baden-Württemberg.
Es ist ein für die Zeit um 1960 charakteristisches Wandbild, das durch seine Gestaltungsweise sowie Herstellungstechnik exemplarisch die zeitgenössische Kunst am Bau dokumentiert. Anhand des Wandbildes lässt sich beispielhaft die künstlerische Entwicklung und zweckdienliche Funktion solcher zeittypischen Sgraffiti aufzeigen. Die figürlich abstrahierenden Darstellungen tüchtiger Handwerker waren nicht nur thematisch auf die Bauaufgabe und künftige Funktion der Gewerbeschule als Bildungseinrichtung bezogen, sondern spiegelten auch die alltägliche Lebenswirklichkeit der Menschen in der Wiederaufbauzeit nach dem Zweiten Weltkrieg wider. Sie waren deshalb ein besonders beliebtes künstlerisches Motiv. Ebenso weit verbreitet war die traditionsreiche Herstellungstechnik des Sgraffitos. Durch die in den 1920er-Jahren wiederbelebte Sgraffito-Technik konnten solche großflächigen Wandbilder hergestellt werden, die sich durch ihre hohe Lebensdauer besonders gut für Kunst und Dekoration am Bau eigneten.
Das künstlerisch qualitätvolle Wandbild von Strübe ist stilistisch im Spannungsfeld von gegenständlichem und abstrahierendem Realismus in der Epoche der Moderne zu verorten. Auch mit Strübe bekannte Künstler wandten sich gegenstandslosen Darstellungen zu, während Strübe grundsätzlich gegenständliche Motive bevorzugte und diese in einer von ihm als zeitlos betrachteten, moderat-modernen Form eigenwillig interpretierte.
Durch diesen künstlerischen Anspruch weist das Wandbild eine gesteigerte gestalterische und ästhetische Qualität auf. Es sollte durch seinen akademisch-künstlerischen Charakter einen vorbildlichen Eindruck auf die Schulbesucher machen. Die von Strübe in abstrakter Form interpretierte gegenständliche Darstellung sprach das ästhetische Empfinden der Betrachter in besonderem Maße an und unterschied sich dadurch von vielen im Alltag anzutreffenden Wandbildern mit idyllischen Motiven, die häufig nur einen dekorativen Zweck erfüllten, um nüchterne Architektur aufzuwerten. Die stimmig wirkende, aus geometrischen Farbflächen bestehende Bildkomposition des Wandbildes sowie die vereinfachte Darstellung der Personen mit rudimentären Umrisslinien, die farblich flächig ausgefüllt sind, lassen Einflüsse des Kubismus erkennen.
Maler Adolf Strübe (1881-1973)
Adolf Strübe ist mehrfach als souveräner „Visionär der Farben“ bezeichnet worden. Er gehört, das betont der Kunsthistoriker Berthold Hänel, „jener Künstlergeneration an, deren Schaffen entscheidende und richtungsweisende Spuren in der Entwicklung der modernen Kunst gegraben hat.“ Mit einem eigenständigen Stil nimmt Strübe eine singuläre Position zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion als empfindsamer und zurückhaltender „Moderner“ in der Kunstgeschichte ein.
Geboren in eine kunstsinnige Familie in Maulburg, jüngerer Bruder des Schriftstellers und Malers Hermann Burte, lässt sich Strübe nach seiner Schulzeit in Lörrach und Schopfheim zuerst als Volksschullehrer ausbilden, bevor er die Kunstgewerbeschule und nach einem einjährigen Militärdienst die Kunstakademie Karlsruhe absolviert. Als Schüler der Professoren Schmidt-Reute und Trübner begegnet er dort auch Hans Thoma und Max Laeuger. 1909 wird er als Lehrer an die Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin berufen, nach dem Kriegseinsatz als Soldat in Frankreich und Belgien 1918 Professor für Malerei und Wandmalerei an der Hochschule für Bildende Künste (später „Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst“). Vor dem Ersten Weltkrieg entwickelt er – bislang einer dunkelfarbigen Malerei verhaftet – durch Reisen nach Frankreich, Italien und Holland sowie dem Studium Cézannes und der Impressionisten seinen eigenständigen, skizzenhaften, hellen Malstil. Neben Skulpturen und Wandmalereien besteht sein Werk vorwiegend aus Zeichnungen, Aquarellen und Gemälden. Strübes Themen bleiben, ganz traditionell, Landschaft, Figurenbild, Selbstporträt, Akt und Stilleben.
Doch die moderne Großstadt Berlin fasziniert ihn als „Brennpunkt sich ständig erneuernder schöpferischer Anregungen“ mit „Freisinnigkeit als Gegensatz zum Philistertum, Fortschrittlichkeit im Sinne von Unbefangenheit dem Neuartigen gegenüber“. Seine Arbeiten werden in den renommierten Galerien Cassirer, Flechtheim und Hartberg gezeigt, und 1923 ist er in einer Ausstellung der Akademie der Künste neben Max Liebermann, Edvard Munch, Oskar Kokoschka oder Ernst Ludwig Kirchner vertreten. 1926 fertigt er Glasfenster für das Rathaus Basel, 1929 das Gefallenendenkmal auf dem Hauptfriedhof Lörrach, dem – so die Kunsthistorikerin Barbara Hauß – „eine eindeutige Heroisierung des Soldatentums“ fehlt; „dafür hatte Strübe wohl selbst zu viel Leid an der Front erlebt“. Hänel betont zu Recht, dass Strübe sich mit allen modernen Kunstrichtungen wie dem Impressionismus, dem Expressionismus, dem Kubismus, der „neuen Sachlichkeit“ oder der abstrakten Malerei intensiv auseinandersetzt, aber eigenständig bleibt: „Wenn er sich auch jener Strömungen voll bewusst war, so hielt er sich doch fern von Wirbel und Hektik und formte in unermüdlichem Arbeiten und Suchen nach seiner individuellen künstlerischen Handschrift.“
Mit den Freunden und Kollegen Karl Hofer und Emil Weiß gründet er 1927 die Künstlergruppe „Badische Secession“ und wendet sich so gegen die pauschale Verunglimpfung moderner Kunst - auch seiner Werke - als „übelste Verfallserscheinungen“. 1932 wird er zudem in die „Berliner Secession“ aufgenommen und übernimmt in schwieriger Zeit 1934 bis de facto 1937 den Vorsitz. Trotz aller markigen Worte (und nachfolgenden Taten) im nationalsozialistischen Kulturkampf gegen die „internationale Moderne“, dem sich sein schon früh völkisch denkender Bruder Hermann Burte nach 1933 aktiv anschließt, gibt es nie eine vollständige Gleichschaltung der Kunstszene in Deutschland. Als kluger, vorsichtiger Vermittler kann Strübe gerade in den Anfangsjahren des Regimes Spielräume nutzen und eine Zeit lang einzelnes erreichen. Die Gesamtentwicklung kann ein solches partielles Widersetzen allerdings nicht aufhalten. Der Kunstkenner Jörg Bernauer beschreibt Strübe zutreffend in Anlehnung an Robert Neumann als „nicht-gleichgeschalteten Nicht-Widerständler“. Zu seinem Bruder hält Strübe auf der persönlichen Ebene zeitlebens Kontakt. Nach den olympischen Spielen 1936, die der Welt ein positives Deutschland-Bild vermitteln sollen, wird das NS-Regime härter. Hat Strübe für das Olympiagelände in Berlin noch Tierskulpturen liefern dürfen, wird sein Gemälde „Die rote Brücke“ aus dem Augustinermuseum Freiburg 1937 durch die Reichskulturkammer beschlagnahmt. In einer Rezension wird Strübes Werk als „Bauchweh in Öl“ bezeichnet und gefordert: „Solche flüchtigen Machwerke dürften bei aller künstlerischen Freiheit, heute in Deutschland nicht mehr gezeigt werden.“ Willkürlich agiert die NS-Kulturpolitik weiterhin. 1942 darf Strübe zusammen mit dem NS-Parteigänger Fritz Klimsch und dem NS-Kritiker Georg Kolbe im Berliner Kronprinzenpalais ausstellen. Danach wird es ruhiger um ihn. Als im Februar 1944 die Akademie ausgebombt und der Umzug nach Schlesien vorbereitet wird, entscheidet deren Leiter, dass Strübe nicht mitzieht.
Strübe verliert 1944 nicht nur seinen Arbeitsplatz, sondern mit dem Atelier einen großen Teil seines künstlerischen Lebenswerks und seine gesamte Bibliothek. In dieser verzweifelten Situation entschließt er sich, nach 35 Jahren in Berlin wieder nach Südbaden, nach Lörrach, überzusiedeln. Gerade seine künstlerische Unabhängigkeit, in der er sich treu bleibt, macht ihm auch jetzt das Weiterarbeiten leichter. Von Lörrach aus lehnt er 1946 einen Ruf nach Berlin ab und ist mit Emil Bizer und Wilhelm Gerstel an der Widergründung der Badischen Secession und am Aufbau der Kunstakademie Freiburg beteiligt. Dort bekleidet er von 1949 bis 1956 die Professur für Malerei. Er gilt als begeisterungsfähiger und begeisterter Lehrer. 1952/53 ist er Gründungsmitglied im „Rat der Zehn“ des Künstlerbundes Baden-Württemberg, u.a. mit Otto Dix, Erich Heckel, Willi Baumeister und Ida Kerkovius. Er nimmt an mehreren großen Ausstellungen teil, übernimmt öffentliche Auftragsarbeiten und wird mehrfach ausgezeichnet: 1955 erhält er den Hans-Thoms-Preis des Landes Baden-Württemberg, schon 1952 wird er Ehrenbürger in Maulburg, 1971 in Lörrach. 1973 stirbt er im Alter von über 90 Jahren.
Auch wenn Adolf Strübe sich keiner Kunstrichtung eindeutig zuordnen lässt (oder vielleicht gerade deshalb), zählt er mit seinem Werk zu den wichtigen Vertretern der künstlerischen Moderne in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Berthold Hänel betont Strübes außerordentlich „feine Empfindungskraft“: „Alles scheint mit leichter Hand und Eleganz festgehalten von einem Künstler von beträchtlicher Virtuosität.“ Die Kunsthistorikerin Antje Lechleiter urteilt, Strübe habe versucht, „zu einer immer stärkeren Reduktion der sichtbaren Wirklichkeit zu kommen und drang immer mehr in den inneren Bereich der Empfindungen vor … Ihm gelang es gerade in den letzten Lebensjahrzehnten, die Komposition nochmals zu verdichten und alles Räumliche zugunsten einer reinen Farbfläche aufzulösen. Adolf Strübes Spätwerk ist daher ein Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens.“ Jörg Bernauer hebt Strübes moderne Haltung zur Malerei hervor: ihm sei es weder um reine Abbildung noch um Nachahmung eines Gegenstandes gegangen, sondern um „aufeinander abgestimmte Farbflächen, die ein harmonisches Ganzes ergeben“, das nie ganz abstrahiert und die Menschen anrührt. Strübe selbst hat 1956 sein Verständnis von moderner Kunst so formuliert: „ … (ich) glaube und bin überzeugt, dass nur das, was durch die innere Natur eines Malers gegangen ist und schließlich zum Ausdruck seines Wesens geworden ist, von Bestand sein kann.“
Zur Biografie
Die vorliegende Kurzbiografie wurde von Jan Merk erstellt. Sie basiert auf folgenden Quellen:
- Adolf Strübe. Visionär der Farben. Hrsg. von Ursula Riediger, mit Texten von Berthold Hänel, Antje M. Lechleiter und Michael M. Mauch, Lörrach 1997
- Berthold Hänel: Adolf Strübe, in: Die Maler des Markgräflerlandes. Hrsg. von Hans H. Hofstätter und Berthold Hänel, Freiburg 2000, S. 62-63.
- Hans H. Hofstätter: Adolf Strübe, in: Paradies am Oberrhein. Hrsg. von Hans H. Hofstätter, Freiburg 2001, S. 54-56.
- Jan Merk: Künstler der Vergangenheit, in: Markgräflerland-Künstlerland. Hrsg. vom Kulturverlag Art + Weise mit den Kulturämtern Weil am Rhein und Müllheim/Baden, Schliengen 2005, S. 7-17.
- Aufbruch nach 1945. Emil Bizer und Adolf Strübe. Hrsg. vom Markgräfler Museum Müllheim. Mit Texten von Jörg Bernauer und Jan Merk, Müllheim 2017
- Barbara Hauß: Brüder – Hermann Burte und Adolf Strübe, in: Kunst und Nationalsozialismus. Hrsg. von Markus Moehring und Barbara Hauß, Lörrach 2020, S. 62-85.
- Jörg Bernauer: Adolf Strübe im Kronprinzenpalais 1942, in: ebd., S. 76-77.
Angaben zum Portraitfoto
- Portraitfoto Adolf Strübe um 1950 (Dreiländermuseum Fo 4157)