Klimabedingte Waldschäden

Die extreme Witterung 2018 hat schlagartig verdeutlicht, wie stark unsere Wälder bereits mit den Folgen des Klimawandels zu kämpfen haben.


Seit etwa 1990 gab es eine „schleichende“ Entwicklung, wie die in Deutschland seit 1984 regelmäßig stattfindenden Waldzustandserfassungen zeigen. Kennzeichen sind eine Häufung von zu hohen Temperaturen und zu geringen Niederschlägen. Dadurch leiden die Bäume regelmäßig unter Wassermangel. Hinzu kommen vermehrt extreme Stürme und Schneefälle, die zwar seltener geworden sind, aber nassen Schnee bringen. Dieser Klimawandel verursacht im Wald absterbende Bäume durch Dürre sowie Sturm- und Schneebruch. Dadurch können sich Waldschädlinge optimal vermehren, besonders Borkenkäfer, aber auch andere Schadinsekten und Pilze. Sie alle bringen inzwischen den Wald vielerorts zum Absterben. Im Jahr 2018 kam vieles zusammen: Sturmtiefs im Frühjahr, danach extreme Temperaturen im Sommer, von Frühjahr bis tief in den Herbst kaum Niederschlag sowie eine dadurch verursachte extreme Massenvermehrung von Borkenkäfern. Auch die Waldbrandgefahr steigt in Trockenphasen sehr stark an.

Deshalb stehen Waldbesitzer sowie Försterinnen und Förster 2019 vor einer äußerst besorgniserregenden Situation, die es so bisher noch nie gab. Fichten, aber auch zunehmend im Trockenstress stehende Tannen, Kiefern und Lärchen, sind den Angriffen einer riesigen Anzahl von Borkenkäfern ausgesetzt, die alle gut durch den milden Winter gekommen sind. Die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg prognostiziert, dass die Borkenkäfer-Population im Jahr 2019 ein dramatisches Ausmaß annehmen wird. Aber auch Buchen, Eschen und Ahorne weisen wegen der Dürre im vergangenen Sommer vielerorts deutliche Krankheitssymptome auf.

Diese Lage ist nicht nur bei uns sondern in ganz Mitteleuropa eingetreten. Auch das zeigt, dass wir es nicht nur mit einem lokalen Wetterproblem zu tun haben, sondern mit länderübergreifenden Folgen des Klimawandels. Inzwischen ist davon auszugehen, dass in Mitteleuropa deutlich mehr qualitätsgemindertes Dürr- und Käferholz anfällt als durch den Jahrhundert-Orkan „Lothar“ 1999. Anders als damals fällt dieses Holz aber nicht regional begrenzt an sondern in allen Ländern und Regionen. Deshalb lässt sich Dürr- und Käferholz kaum noch im Fernabsatz vermarkten. Vielmehr wird der Holzmarkt überall mit Schadholz „überschwemmt“. Aus diesem Grund lassen sich bisher bewährte Strategien zur Bekämpfung der für Nadelbäume gefährlichen Borkenkäfer nicht mehr wirksam umsetzen. Denn die in der Vergangenheit erfolgreich praktizierte Maßnahme, befallene Bäume rasch einzuschlagen und die Stämme in holzverarbeitende Betriebe abzufahren, bevor die Borkenkäfer ausfliegen, funktioniert wegen des europaweiten Überangebots nicht mehr.

Deshalb muss jetzt von Borkenkäfern befallenes Holz auf Kosten der Waldbesitzer umgelagert werden, auf Lagerplätze außerhalb Wald oder in Laubbaum-Bereiche, wo die Borkenkäfer keinen Schaden anrichten können und wegen fehlender Wirtsbäume rasch absterben. Aber auch diese Möglichkeiten sind begrenzt, weil sich keine geeigneten Lagerplätze finden lassen oder nicht genügend LKW für die Umlagerung zur Verfügung stehen. Deshalb bleibt inzwischen häufig nichts anderes übrig, als grundsätzlich noch für höherwertige Verwendungen taugliches Holz im Wald zu hacken, solange sich die unter der Rinde sitzenden Larven und Jungkäfer noch nicht fertig entwickeln konnten. Als letztes Mittel, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind und weitere Waldschäden drohen, dürfen befallene Stämme mit einem zugelassenen Pflanzenschutzmittel behandelt werden. Wegen der damit verbundenen Umweltbelastung und aufgrund von Vorgaben der Zertifizierungssysteme (PEFC, FSC), denen sich die meisten Waldbesitzer freiwillig unterworfen haben, wird davon aber nur in wenigen Fällen Gebrauch gemacht. Oberstes Ziel ist, den Wald mit allen seinen Schutz- und Erholungsfunktionen zu erhalten. Deshalb müssen zur Vermeidung von Folgeschäden auch Holzverluste in Kauf genommen werden.

Die Landesregierung hat aufgrund der prekären Situation eine Taskforce „Klimabedingte Waldschäden“ mit Experten aus der Wissenschaft und Praxis eingerichtet sowie Soforthilfen für die kommunalen und privaten Waldbesitzer bereitgestellt. Sie umfassen Investitionszuschüsse für die Einrichtung von Holzlagerplätzen sowie Beihilfen für den Transport von Holz zu Lagerplätzen, die insektizidfreie Holzkonservierung sowie das Hacken von mit Schadorganismen befallenem Holz. Langfristig sind enorme Aufwendungen für den Umbau und den Wiederaufbau klimastabiler Wälder erforderlich. Die meisten Gemeinden und Privatwaldbesitzer werden nicht in der Lage sein, diese Mittel allein aus dem Ertrag ihres Waldes aufzubringen. Bereits jetzt führen die hohen Kosten für die notwendigen Waldschutz-Sofortmaßnahmen in Verbindung mit den stark gesunkenen oder teilweise ganz ausbleibenden Holzerlösen zu gravierenden finanziellen Einbußen. Umfangreiche Investitionen für die Pflege und Entwicklung des Waldes werden daher vielen Waldbesitzern nur mit entsprechender organisatorischer Unterstützung durch die Forstverwaltung und weiteren Beihilfen leisten können.

Hierbei handelt es sich um eine Jahrhundertaufgabe, an der die Forstleute seit Beginn der Diskussion über das Waldsterben vor inzwischen rund 35 Jahren arbeiten, die aber alle für weitere Jahrzehnte herausfordern wird. Allerdings hat die große Gefahr, in der sich der Wald heute befindet, andere Ursachen als damals. Im Kampf gegen das durch Luftschadstoffe verursachte Waldsterben konnten mit Verordnungen zur Verminderung bestimmter Luftschadstoffe (Schwefeldioxid, Stickoxide) und Bodenschutz-Kalkungen in den Wäldern mess- und sichtbare Erfolge erzielt werden. Die seit 2018 großflächig sichtbar gewordenen Folgen des Klimawandels erfordern sehr viel weitreichendere Maßnahmen auf internationaler und globaler Ebene.

Große Sorge bereitet den Forstleuten die hohe Geschwindigkeit, mit welcher der Klimawandel und seine Folgen offensichtlich ablaufen. Dadurch ergeben sich in Verbindung mit den bisher noch großen Prognose-Unsicherheiten der Forschung zu den regionalen und lokalen Auswirkungen des Klimawandels schwierige Entscheidungssituationen bei der Waldbewirtschaftung, wenn es um die Frage geeigneter Baumarten oder Waldpflege-Konzepte geht. Denn Wälder sind langlebige und komplexe Ökosysteme, in denen sich bisher Anpassungen an natürliche Klimaveränderungen über viele und häufig mehr als 200 Jahre dauernde Wald-Generationen abgespielt haben. Der durch die Menschen verursachte rasante Klimawandel zwingt zu sehr viel kürzeren Anpassungszeiträumen von nur wenigen Jahren oder Jahrzehnten. Als Konsequenz dieser Entwicklung werden sich das Erscheinungsbild und die Artenzusammensetzung unserer Wälder relativ rasch und in einem bisher nicht gekannten Umfang verändern. Dabei können gerade in einer touristisch stark genutzten Landschaft wie bei uns abgestorbene Bäume und kahle Flächen, die vermehrt zu sehen sein werden, für viele Waldbesucher verstörend wirken. Bisher vertraute Baumarten wie Fichten, Kiefern und Lärchen werden zurückgehen und dafür an hohe Temperaturen und geringe Niederschläge angepasste Baumarten zunehmen. Die Extremsituation, in die unser Wald geraten ist, erfordert auch in der Bevölkerung ein neues Verständnis für die Waldbewirtschaftung und für mehr Einschränkungen durch Forstarbeiten als bisher gewohnt. Die dem Klimawandel geschuldeten forstlichen Maßnahmen sind von den Forstleuten nicht gewollt aber unerlässlich, um den Wald langfristig zu erhalten.

Leider gibt es für den klimastabilen Waldumbau nur sehr wenige geeignete einheimische Baumarten. Relativ gut an Trockenphasen angepasst sind unsere Weißtanne – zumindest auf tiefgründigen Standorten – sowie die einheimischen Eichenarten (Stiel- und Traubeneiche), die aber nur wachsen können, wenn sie nicht von Rehen und Gämsen verbissen werden. Zunehmende Bedeutung bekommen auch fremdländische Baumarten wie Douglasie und Roteiche, die sich bei uns als klimastabil bewährt haben. Allerdings muss eingeräumt werden, dass die lokalen Auswirkungen des Klimawandels noch nicht ausreichend bekannt sind und es auch noch Wissenslücken zur Eignung der Baumarten und ihrer regionalen Herkünfte für bestimmte Klimabedingungen gibt. Deshalb wird eine möglichst vielfältige Baumarten-Zusammensetzung im Wald angestrebt. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass eine ausreichende Anzahl von Bäumen langfristig stabil ist und den Wald von morgen bilden kann.         

Dabei darf nicht aus den Augen verloren werden, dass der Wald nicht nur Opfer des Klimawandels ist sondern für die Klimastabilisierung eine entscheidende Rolle spielt:
  • Beim Baumwachstum und bei der Bildung von Holz wird das klimaschädliche Kohlendioxid aus der Luft aufgenommen und im Holz gebunden. Zudem speichern vor Erosion geschützte Waldböden große Mengen Kohlendioxid.
  • Der Einschlag von Holz und die daraus hergestellten Holzprodukte, die langfristig verwendet und verbaut werden, verlängern die Bindung von Kohlendioxid und schaffen Platz für neues Baumwachstum.
  • Zudem ersetzt Holz als klimaneutral erzeugter Baustoff andere Produkte aus Kunststoff, Metall und Beton, deren Herstellung viel Energie verbraucht und das Klima belastet.

Deshalb ist es unerlässlich, beim klimastabilen Um- und Wiederaufbau des Waldes nicht nur seine Schutz- und Erholungsfunktionen zu sichern sondern zugleich auch für das nachhaltige Wachstum möglichst großer Holzmengen zu sorgen. Ohne eine leistungsfähige Forstverwaltung für alle Waldbesitzarten (Staats-, Körperschafts- und Privatwald) mit engagiertem Personal ist diese äußerst komplexe Aufgabe nicht zu schaffen. Daher war es wichtig, die Weichen für die am 01.01.2020 in Kraft tretende Forstneuorganisation im Landkreis Lörrach frühzeitig zu stellen. Inzwischen kann von einer reibungslosen Umsetzung ausgegangen werden. So ist volle Konzentration auf die 2018 entstandene Extremsituation für den Wald und die Bewältigung ihrer dramatischen Folgen möglich.

Landratsamt Lörrach – Forstzentrale, Stand: 04.07.19




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