Pressemitteilung

„Im Prinzip noch Kinder“


Die Zahl der unbegleiteten minderjähriger Flüchtlinge im Landkreis Lörrach ist seit Jahresbeginn drastisch gestiegen. Da sie nicht in Gemeinschaftsunterkünften für Flüchtlinge untergebracht, sondern nach dem Jugendhilfegesetz behandelt werden müssen, sind die Sozialen Dienste des Landkreises derzeit mit der Betreuung der Jugendlichen mit ihren personellen und räumlichen Kapazitäten an ihre Grenzen gelangt. Landrätin Marion Dammann richtet deshalb die dringliche Bitte an die Bürgerinnen und Bürger, freien Wohnraum zur Unterbringung der jungen Menschen zur Verfügung zu stellen. „Selbstverständlich werden die Jugendlichen im Rahmen des Ambulant betreuten Wohnens weiterhin durch unsere Mitarbeiter eng begleitet“, betont Dammann. Sind hier nicht bald Lösungen in Sicht, müsste man auf die Unterbringung in Zelten ausweichen. Entwickeln sich die aktuellen Zahlen ungebrochen in diesem Maße weiter, wird sich 2014 die Anzahl im Vergleich zu den Vorjahren vervierfachen: Seit Jahresbeginn sind bis jetzt 44 Jugendliche an die Kreisverwaltung übergeben worden, während es 2013 noch 41 waren und 2012 die Zahl bei 31 lag. „Die Ursachen für den Anstieg sind aus unserer Sicht schwer schätzbar“, berichtet Sozialdezernentin Elke Zimmermann-Fiscella.
 
Durch ihre Grenzlage sind die Landkreise Lörrach und Offenburg am meisten betroffen. Um die Situation zu entschärfen, hat die Landrätin sich bereits an Ministerpräsident Kretschmann gewandt, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach einem Verteilerschlüssel landesweit zu verteilen. Dies wäre auch im Sinne einer erfolgreichen Integration der jungen Menschen erforderlich: „Integrationsleistung kann erfolgreicher erbracht werden, wenn eine gleichmäßige Verteilung der Jugendlichen und damit auch eine bessere Betreuung besteht“, so Zimmermann-Fiscella. Betreuung und Hilfestellung sei bei den teilweise traumatisierten Jugendlichen gerade deshalb wichtig, um die Gefahr des Abrutschens in kriminelles Milieu möglichst zu vermeiden. Da die Jugendhilfeeinrichtungen im Landkreis keine Plätze mehr zur Verfügung haben, versucht das Sozialdezernat jetzt, Jugendliche ab 16 Jahren, die bereits längere Zeit im Landkreis sind, sich vertraut gemacht haben und sprachlich verständig sind, in Wohnungen unterzubringen, um somit Platz für die Neuankömmlinge zu schaffen.
 
„Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“, wie die jungen Menschen auf Amtsdeutsch bezeichnet werden, sind unter 18 Jahren, ohne Eltern oder andere erwachsene Begleitpersonen unterwegs, und haben oftmals eine jahrelange Reise unter äußerst beschwerlichen Umständen quer durch Europa hinter sich. Die meisten seien zwischen 14 und 17 Jahren alt, „im Prinzip noch Kinder“, die teilweise schon als 12-Jährige aus ihren Heimatorten aufgebrochen sind, wie Sozialbetreuerin Antoinette Gulde berichtet. Bisher sind ausschließlich männliche Jugendliche im Landkreis angekommen, vornehmlich aus Eritrea Somalia und Mali, jüngst auch aus Ägypten (2012 handelte es sich in erster Linie um Flüchtlinge aus arabischen Ländern). Ihre Wege führen in der Regel durch Lybien, per Bootsfahrt über das Mittelmeer nach Italien und dann weiter gen Norden.
 
Werden die Flüchtlinge im Grenzbereich des Dreiländerecks von der Bundespolizei aufgegriffen, erfolgt zunächst die sogenannte erkennungsdienstliche Behandlung, das heißt die Feststellung von Alter, Herkunft, Identität. Über 18-Jährige werden direkt nach Karlsruhe zur Landesaufnahmestelle geleitet, unter 18-Jährige werden dem Landkreis zur sogenannten Inobhutnahme durch die Jugendhilfe übergeben. Im Landkreis Lörrach gibt es drei Amtsvormunde, die bei den Sozialen Diensten des Fachbereichs Jugend & Familie angesiedelt sind. Über die Amtsvormunde können die Jugendlichen ab dem 16. Lebensjahr Asylanträge stellen.
 
Neben Wohnungen zur Unterbringung junger Flüchtlinge sind auch Pflegefamilien herzlich willkommen, idealerweise Familien, die bereits Erfahrungen mit dem kulturellen Hintergrund der jungen Afrikaner haben. Interessierte können sich direkt an das Büro von Sozialdezernentin Elke Zimmermann-Fiscella unter der Telefonnummer 07621/410-5000 oder per E-Mail an elke.zimmermann-fiscella@loerrach-landkreis.de wenden.