Ein Kooperationsprojekt des Fachbereichs Jugend und Familie und der Psy-chologischen Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche des Landkreises Lörrach.
Marina, Dennis und vier weitere Kinder im Alter zwischen 9 und 11 Jahren trafen sich über einen Zeitraum von einem ¼ Jahr insgesamt zehn Mal in einer ganz besonderen Gruppe. Zuvor kannten sie sich nicht, aber sie haben alle gemeinsam, dass sie als Pflegekind in einer Pflegefamilie aufwachsen.
Die vier Jungen und zwei Mädchen folgten der Einladung zweier Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche und des Fachbereichs Jugend und Familie.
Zusammen sollte es auf spannende Spurensuche im Leben jedes einzelnen Kindes gehen. Ziel war die Erstellung, bzw. der Beginn eines ganz persönlichen Lebensbuches.
Ein vorbereitender Abend für die Pflegeeltern klärte über organisatorische und inhaltliche Fragen auf und bot eine Auseinandersetzung mit Aspekten der oft besonderen Identitätsentwicklung von Pflegekindern an.
Bereits beim ersten Treffen gaben sich die Kinder den Gruppennamen „Die sechs Fragezeichen auf den Spuren ihres Lebens“
Kinder, die nicht in ihrer Herkunftsfamilie aufwachsen können beschäftigen sehr häufig Fragen wie:
Wer bin ich?
Wo komme ich her?
Wem gleiche ich?
Wer gehört zu meiner leiblichen Familie?
Warum musste ich fort?
Warum lebe ich in einer Pflegefamilie?
Was wird aus mir?
Durch die Beschäftigung mit diesen Fragen nach den eigenen Wurzeln bekamen die Kinder in der Gruppe die Chance ihre Geschichte und ihre aktuelle Lebenssituation besser zu verstehen, sie konnten Puzzlesteine zum Bild ihres Lebens hinzuzufügen und vielleicht ein Stück inneres Chaos ordnen.
„Biografiearbeit“ machen normalerweise alle Eltern, indem sie Fotos sammeln, Geschichten erzählen, die Entwicklung ihrer Kinder dokumen-tieren, Ereignisse festhalten. Insofern handelt es sich bei Biografiearbeit weniger um eine spezielle Therapie als vielmehr um eine bestimmte Hal-tung dem Kind gegenüber. Eine einigermaßen zusammenhängende Lebensgeschichte ist wichtig für jeden Menschen, Kinder müssen wissen, woher sie kommen und wer sie sind, sonst leben sie im Gefühl „ich habe kein Früher“. Pflegeeltern, die an der Lebensgeschichte mit ihren Kin-dern arbeiten, sich dieser zuwenden, tun zweierlei Wertvolles: sie kön-nen ihrem Pflegekind später eine Dokumentation übergeben, die Daten, Ereignisse und Details aus ihrem Leben vor und in der Pflegefamilie enthält und sie drücken damit aus, dass sie ihr Pflegekind mit seiner ganzen Geschichte ernst nehmen und wertschätzen. Mit der Gruppenarbeit soll-te dafür ein Samen gelegt werden, der wachsen und gepflegt werden kann, ein Anfang gemacht für eine Arbeit, die natürlich nicht nach 10 Stunden erledigt ist.
"Es tut mir gut, dass ich Kinder treffe, die auch Pflegekinder sind, meinte Marina. Solche Kinder habe ich bisher nicht kennengelernt“. Hier in der Gruppe kann ich darüber reden, dass ich nicht bei meinen leiblichen El-tern lebe, ergänzt Veronika. „Die anderen Kinder verstehen das, weil es ihnen auch so geht“.
In der Gruppe konnten die Kinder Erlebnisse miteinander teilen und er-fahren, dass andere Kinder ähnliches erlebt haben, ein Stück Solidarität erleben.
Durch das Erleben gegenseitiger Unterstützung und Verständnis und die Entwicklung und den Austausch von Bewältigungsstrategien fällt es den Kindern leichter mit ihren besonderen Belastungen umzugehen, sind sich die beiden Gruppenleiterinnen einig. Z.B. ging es in einer Gruppensitzung darum den Kindern Erklärungen an die Hand zu geben, warum sie in einer Pflegefamilie leben und mit den Kindern einen verständlichen und sozial verträglichen Satz zu entwickeln, eine sog. „cover story“, also was kann ich sagen, wenn andere mich fragen, warum lebst du in einer Pflegefamilie? Dies beinhaltete auch den respektvollen Umgang mit und Erläuterung der Notlage der leiblichen Eltern, mit denen sich die Pflegekinder in der Regel weiterhin loyal verbunden fühlen.
Für das Gelingen der Gruppe war es zudem sehr wichtig, dass die Pfle-geeltern ihre Pflegekinder sehr unterstützt und ihnen zugehört haben. Vor allem die Pflegemütter waren so manches Mal gefordert zuhause auf ganz neue individuelle Fragen, Wünsche und Bedürfnisse ihres Pflege-kindes einzugehen, die sich aus den Gruppentreffen heraus ergeben hatten, was auch Kraft kostete. Für die Gruppenleiterinnen war die Arbeit mit den Pflegekindern bereichernd und beglückend, mitunter aber auch sehr anstrengend, da diese ihre ganz spezifischen, mitunter traumati-schen Lebenserfahrungen mit in die Gruppe und dort auf unterschiedli-che Weise zum Ausdruck brachten.
Auch bei der Fortführung des begonnenen Projektes Lebensbuch ist die Unterstützung der Pflegefamilie wichtig. Die Kinder brauchen das Inte-resse und die aktive Unterstützung ihrer Pflegefamilie dazu. Marina zum Beispiel möchte mit ihrer großen Schwester ihr Lebensbuch weiterfüh-ren. Dennis möchte sein Buch erst einmal ruhen lassen und vielleicht später wieder einmal daran weiter arbeiten, mit seiner Pflegemutter. In Abschlußgesprächen bekamen die teilnehmenden Familien Material an die Hand, das eine Weiterarbeit anregen und unterstützen soll.
Ein sehr gelungenes Projekt, beurteilen die beiden Gruppenleiterinnen die Biografiearbeit mit Pflegekindern am Ende und eine fruchtbare Mög-lichkeit, mit Pflegekindern und –eltern und mit Herkunftsfamilien ins Ge-spräch zu kommen. Die Rückmeldungen der Kinder und ihrer Pflegefa-milien sind eine große Ermunterung, diese Form der Unterstützung für Pflegekinder und Pflegefamilien zukünftig weiter anzubieten.
Wenn Sie mehr darüber wissen wollen, wie man Pflegefamilie für ein fremdes Kind werden kann, wenden Sie sich bitte an den Fachbereich Jugend und Familie, Frau Stäuble- Ressel Tel. 07621/ 410-5219 oder Frau Spöri Tel. 07621/ 410-5223